Professorin Sonja Schellhammer über individualisierte Lehre, überraschende Lernmomente und neue Wege in der Physik.
Nachdem Professorin Sonja Schellhammer mit dem Sächsischen Lehrpreis 2025 ausgezeichnet wurde, wollten wir genauer wissen, was hinter ihrem Lehrverständnis steht, wie sie Studierende für Physik begeistert und welche Impulse sie für die zukünftige Lehrkultur an unserer Hochschule sieht.
Im Gespräch zeigt sich: Individualisierung ist für sie keine Methode, sondern eine Haltung. Eine Haltung, die auf Vertrauen, Vielfalt und Wertschätzung beruht.
Professorin Sonja Schellhammer, Sie haben den Sächsischen Lehrpreis für Ihre Lehrkonzeption in der Physik erhalten, einem Fach, das oft als schwierig gilt. Was war Ihr Schlüssel, um Studierende für Physik zu begeistern?
Ich würde sagen, das ist genau der Punkt: Dieser Schlüssel sieht für alle Studierenden unterschiedlich aus. Ich gebe daher sehr, sehr viele Schlüssel aus und lasse die Studierenden selbst ausprobieren, welcher passt.
Aus didaktischer Sicht biete ich also zahlreiche Lernzugänge, aus denen die Studierenden wählen und kombinieren können. Die Inhalte sind dabei klar vorgegeben. Ein zweiter wichtiger Aspekt, damit eine Verbindung zwischen mir als Repräsentantin der Physik und der Neugierde der Studierenden entstehen kann, ist Wertschätzung und Kommunikation auf Augenhöhe.
Ihre Projektwerkstatt im Studiengang Green Engineering gilt als Beispiel für individualisierte Lehre. Wie gelingt es Ihnen, Studierende mit unterschiedlichen Vorkenntnissen und Interessen einzubinden?
Was ich hierfür absolut empfehlen kann, sind klare, selbsterklärende und visuell ansprechende Vorlesungsfolien, die auch direkt als Skript zum Lernen genutzt werden können, und den Studierenden vor Vorlesungsbeginn jeweils zum Download zur Verfügung stehen. Das hat mehrere Vorteile. Einerseits lernen die meisten Menschen vorrangig visuell, wodurch gute Folien mit passend eingebetteten Bildern und Videos einen großen Unterschied machen können hinsichtlich Motivation und Verständlichkeit. Andererseits reduziert es die Barrieren zum Beispiel für Studierende, die körperlich nicht anwesend sein können, schlecht hören oder eine geringe Aufmerksamkeitsspanne haben (außerdem sind die Folien für sehbehinderte und blinde Menschen umfassend mit screenreaderfreundlichen Alternativtexten versehen). Gleichzeitig ist dadurch der Prüfungsstoff für die Studierenden transparent dokumentiert.
Vor allem aber, und damit komme ich näher zur Frage, schafft uns das Freiräume – den Studierenden, sich auf das Lernen statt korrekten Mitschreibens zu konzentrieren, und mir, alternative Erklärungen, Zugänge, Beispiele, Wiederholungen und Anknüpfungspunkte zu weiterführenden Themen wie Forschungsfeldern anzusprechen. Wenn es zum Beispiel um das Superpositionsprinzip für mehrdimensionale Kinematik geht, macht es einen Unterschied, ob ich einfach klassisch den schrägen Wurf vorrechne oder es für Sportinteressierte mit einer Motivation aus dem Weitwurf und für Videospielinteressierte mit Links Bombenwurf aus der Spielreihe Zelda motiviere. Neben solchen Alltags- oder Hobbythemen spielen hier auch gesellschaftlich relevante Themen eine Rolle, ebenso wie Beispiele aus der Natur, Tierwelt und Technik und der aktuellen Popkultur in Form von Memes und Reels bzw. Shorts.
Dann gibt es optionale Inhalte, zum Semesterbeginn zum Beispiel in einem Mathe-Selbsttest, von dem aus den Studierenden je nach Ergebnis themenspezifisch zu Material zum eigenständigen Aufholen geleitet werden. Dass die Studierenden teils sehr unterschiedliche Lernbiografien haben, spreche ich ebenso an wie häufige Missverständnisse in Bezug auf die Physik. Für Studierende, die komplexere Themen interessieren, stelle ich gern passendes Zusatzmaterial zu weiterführenden Themen in der Lernplattform bereit. Zu Fragen von Studierenden, die eigentlich über den Lernstoff hinaus gehen, sie aber interessieren, bereite ich für den Beginn der nächsten Vorlesung meist eine kleine passende Lernsequenz vor. Ich biete außerdem mehrere frei wählbare Exkursionen mit Physik-Bezug an. Vor Vorlesungsexperimenten frage ich gerne, welchen Ausgang die Studierenden erwarten, und vergleiche das dann mit dem tatsächlichen Ausgang des Experiments. Das Praktikum ist außerdem als Projektwerkstatt organisiert, in der Studierende nach ihrer eigenen Neigung ein Thema wählen können und dieses dann, geleitet durch Inputs und Meilensteine, in eigenem Tempo und auf ihre eigene Art und Weise selbstgesteuert bearbeiten.
Erwähnenswert ist vielleicht noch eine Untergruppe von Studierenden, denen im Laufe ihres Lebens beigebracht wurde, dass sie Physik einfach nicht können. Was hier häufig hilft, ist es, Kompetenzerfahrungen zu schaffen. Diese kann ich gezielt ermöglichen, zum Beispiel durch Quizzes und kleine Aufgaben in der Vorlesung zum gerade eben gelernten Stoff, die ohne viel Hintergrundwissen gelöst werden können, durch Think-Pair-Share und durch Übungsaufgaben für zuhause, die progressiv schwerer werden. Hinter einer falschen Antwort steht außerdem meist ein in großen Teilen richtiger Gedankengang, den es wertzuschätzen gilt. Außerdem habe ich gelernt, dass es nachweislich hilft, direkt anzusprechen, dass die Idee, Mädchen seien einfach schlechter in Naturwissenschaften als Jungen, wissenschaftlich umfassend widerlegt ist.
Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Hochschuldidaktik für die Weiterentwicklung der Lehrqualität?
Rein aus der Sicht einer Anwenderin glänzt die Hochschuldidaktik vor allem darin, uns als Lehrenden Alternativen zu bieten. Sie kann Bilder davon zeichnen, wie Lehre heute aussehen kann – im Vergleich zu dem, was wir vielleicht selbst damals als Studierende erlebt haben. Sie kann uns aufmerksam machen auf Lösungen zu Problemen, die wir vielleicht schon lange oder auch erst durch kürzliche Entwicklungen haben. Sie kann uns Werkzeuge zeigen, Konzepte und Ideen, aus denen wir frei wählen und unsere eigene Handschrift als Lehrende entwickeln können. Außerdem liefert sie uns evidenzbasierte Hinweise zu Entscheidungen, die wir sonst vielleicht nur aus Gefühl treffen könnten, z.B. zu psychologischen Verzerrungen bei verschiedenen Prüfungsformen. Sie kann uns bestärken in unserer Rolle als Lehrende, und natürlich miteinander vernetzen und in Verbindung bringen, Gemeinschaft und Zugehörigkeit schaffen.
Welche Impulse wünschen Sie sich, dass Ihr Lehrkonzept für die zukünftige Lehrkultur an unserer Hochschule setzt?
Ich war ehrlich gesagt total verblüfft davon, in meinem ersten Semester als Professorin direkt von mehreren Studierenden für den Lehrpreis der Hochschule nominiert worden zu sein, für ein Fach, das eher berüchtigt als beliebt ist, und nun sogar Impulse für die zukünftige Lehrkultur an der Hochschule geben zu dürfen. Genauso verblüfft sehe ich manchmal Studierende, die feststellen, wie sehr sie sich auf einmal doch für Physik interessieren, oder dass sie etwas können, an das sie sich vorher gar nicht gewagt hätten. Und vielleicht ist genau das mein Impuls: Wir können uns trauen, neue Wege zu gehen, und offen dafür sein, verblüfft zu werden.
Das Interview führte Daniel Winkler, Referent Hochschuldidaktik der Hochschule Zittau/Görlitz.
Das Gespräch zeigt eindrücklich, warum die Lehrleistung von Professorin Sonja Schellhammer prämiert wurde: Sie verbindet fachliche Tiefe mit inklusiven Zugängen, schafft Lernräume, die Heterogenität als Stärke begreifen, und zeigt exemplarisch, wie zeitgemäße Lehre an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften aussehen kann.
Mit ihrer Haltung und ihrem Engagement setzt sie Impulse, die weit über die Physik hinausreichen – und zur Weiterentwicklung der Lehrkultur an der HSZG beitragen.
Ab dem Sommersemester 2026 startet das Format „Austausch Lehre HSZG“ mit aktuellen hochschul- und mediendidaktischen Themen in eine neue Runde.
Zentrale Inhalte der zunächst monatlich geplanten Treffen per Videokonferenz sind themenbezogene Impulse als kurze Präsentationen und deren anschließende Diskussion. Lehrende der HSZG können diese Plattform nutzen, um sich fakultätsübergreifend und kollegial zu ihren Erfahrungen mit Hochschullehre auszutauschen sowie untereinander den Transfer praxistauglicher Ansätze zu fördern.
Weitere Informationen finden Sie hier.
Die Programme der Hochschuldidaktik Sachsen richten sich an Lehrende verschiedener Erfahrungsstufen, Statusgruppen und Fachbereiche, die sich strukturiert mit ausgewählten Themen der Hochschuldidaktik auseinandersetzen und/oder ihr Engagement in der Lehre sichtbar machen wollen.
Das gesamte Angebot und die Anmeldung zu den hochschuldidaktischen Weiterbildungen finden Sie hier.